Geschichte

Wissenswertes

Der Ortsname „Grünwald“ erscheint erstmals in einer Urkunde des Jahres 1288, als das Wittelsbacher Herzoghaus Eigentümer der Burg geworden war, und verdrängt die ursprüngliche Ortsbezeichnung „Derbolfing“, die auf den hier ansässigen Grundherren „Derbolf“ oder „Terwolf“ ins 6./7. Jh. verweist.


Zierde und Wahrzeichen der Gemeinde ist die Grünwalder Burg, das Zinnen bewehrte ehemalige Jagdschloss der bayerischen Herzöge. Es ist die einzige, wenn auch nur in Teilen, erhaltene mittelalterliche Burg in der Münchner Umgebung. Seine Mauern beherbergen heute ein Zweigmuseum der Archäologischen Staatssammlung, das — ausgehend von einem Modell der Grünwalder Burg, das sie in ihrer Glanzzeit darstellt, — anhand von zahlreichen Exponaten ihre Geschichte, aber auch - insbesondere für die jüngere Generation - die Verbreitung der Burgen in Oberbayern, die Entwicklung der Burgen, den Burgenbau, die hierzu verwendeten Werkzeuge und den Alltag in einer Burg zeigt.


Details:

Vor- und Frühgeschichte des Ortes

Eine Besiedelung der Ortsfläche Grünwalds kann bis in die frühe Bronzezeit (2200 bis 1500 v. Chr.) nachgewiesen werden. Grabungen im Bereich des Gymnasiums im Jahr 2013 und bereits 1912 im Ortsteil Geiselgasteig entdeckten sog. Hockergräber aus dieser Zeitperiode. Seit dieser Zeit war das Gemeindegebiet durchgehend besiedelt. Dies beweisen die Grabungsergebnisse, die gleichzeitig auch den Wandel der Bestattungskultur über 3000 Jahre zeigen: von den genannten Hockergräbern über die Hügelgräber der mittleren und späten Bronzezeit, die Urnengräber und Brandbestattungen der Hallstatt- und Latènezeit bis zu den Reihengräbern des frühen Mittelalters, die im Jahr 1953 ergraben wurden. Einige der Fundstücke der Bronzezeit, wie Tongefäße, Schmuck und Messer, darunter die nach ihrem Fundort benannte „Grünwalder Fibel“, sind in der Halle des Rathauses und im Untergeschoss des Gymnasiums ausgestellt.


Die Geschichte Grünwalds oder „Derbolfings“ ist eng verbunden mit der Isar. Flussübergang und der Fluss als Transportweg waren bestimmende Faktoren der frühen Ortsgeschichte. Nachweisbar ist der Übergang der Römerstraße Augsburg — Salzburg etwas südlich von Grünwald. Flussübergang und Transportweg mussten gesichert und überwacht werden. Deshalb entstand einige Kilometer südlich von Grünwald bereits im späten 3. / 4.Jh. auf einem Sporn des Isarhochufers eine befestigte Ansiedlung, die „Römerschanze“, die bis zur Aufgabe von Brücke und Straße im frühen Mittelalter den Übergang schützte. Später übernahm diese Aufgabe die Burg in Grünwald, von der aus Fluss und Übergang einzusehen waren.


Geschichtlich ist der Ortskern von Grünwald in zwei Siedlungsbereiche gegliedert: das weitaus ältere „Dorf“, rund um den „Marktplatz“ und an der heutigen Straße „Auf der Eierwiese“, dem ehemaligen Dorfanger, einerseits und dem „Herrschaftlichen Bereich“, am Hochufer der Isar gelegen, mit Burg, Jägerhaus (heute „Schlosshotel“) und Kirche andererseits. Der „Marktplatz“ ist eigentlich nur eine Wegekreuzung Nord/Süd, von München oder Perlach ins Oberland und Ost/West vom Hachinger Tal über das Trockental „Gasteig“ zur Fähre oder Furt über die Isar und weiter in die Gegend am Nordende des Starnberger Sees.


Geschichte der Burg

Mit der Herausbildung der Grundherrschaften im frühen Mittelalter und spätestens in den kriegerischen Wirren des 9./10. Jhs. wurde neben dem „Dorf“ ein verteidigungsfähiger Ort für den Grundherren oder seinem örtlichen Sachwalter („Ministerialen“), als Fron- oder Salhof, erforderlich. Hierfür war der nach Süden und Westen steil ins Isartal abfallende Bergsporn prädestiniert. Hier konnte sich im Laufe der Jahrhunderte eine „Burg“ oder „Veste“ entwickeln.

Sondierungsgrabungen im Jahr 2002 auf dem südlichen Teil des Burggeländes konnten Reste einer befestigten Anlage aus spätkarolingisch/ottonischer Zeit nachweisen. Grundherren könnten zu dieser Zeit vielleicht die Bischöfe von Freising gewesen sein, die durch die Stifterfamilie des Kloster Schäftlarn „Waltrich“ und seine Übereignung an die Bischöfe (776) u.a. in Pullach und Oberhaching begütert waren, wie ein Historiker in den letzten Jahren vermutet hat.


Mit dem Grafen Friedrich I. von Dießen-Andechs, der 1003 als Gerichtsherr im Hachinger Tal genannt wird, tritt erstmals diese Herrscherfamilie in unserer Gegend in Erscheinung. Zu seinem Amtsbereich gehörte auch das königliche Gebiet zwischen Isar und Loisach bis gegen das Gebirge hin, vielleicht auch die Inngegend. Wann die Grünwalder Burg in den Besitz der späteren Grafen von Andechs-Meranien gelangte, ist unbekannt. Urkundlich belegt ist jedoch, dass zwischen 1160 und 1204/10 mit der Familie des Trageboto Zirke und anschließend mit dem mit ihnen vermutlich verwandten Ulrich von Vellenberg als Ministerialen die Grafen von Andechs Eigentümer waren.


Wie kam nun die Burg Grünwald in den Besitz der Wittelsbacher Herzöge? Spätestens seit 1180 als nicht die mächtigen Grafen von Andechs, sondern Pfalzgraf Otto von Wittelsbach mit dem Herzogtum Bayern belehnt wurde, standen sich die beiden Geschlechter in unversöhnlicher Feindschaft gegenüber. Die Ächtung der beiden andechsischen Brüder Markgraf Heinrich von Istrien und Bischof Eckbert von Bamberg, die fälschlicherweise der Mitwisserschaft bei der Ermordung König Philipps von Schwaben, einem Staufer, im Jahre 1208 geziehen wurden, brachte die Wittelsbacher in den Besitz der Andechser Güter von Starnberg über Wolfratshausen bis weit ins Gebirge. Der Mörder war der Wittelsbacher Pfalzgraf Otto, ein Vetter des bayerischen Herzogs Ludwig I., dem Kehlheimer. Als endlich die beiden Andechser Brüder rehabilitiert wurden, weigerte sich der Wittelsbacher Herzog Ludwig die Besitzungen wieder herauszugeben. Erst 1229 zwang ihn der König mit Waffengewalt dazu. Damit war aber der Friede zwischen den beiden Geschlechtern keineswegs wieder hergestellt. Es entwickelte sich ein Kleinkrieg, in dem die Wittelsbacher schließlich die Oberhand gewannen. Nach und nach fielen alle festen Plätze in ihre Hände: 1243 Wolfratshausen, 1246 Starnberg. Mit dem Tod des Grafen Otto VIII. im Jahr 1248 starb das Geschlecht der Grafen von Andechs-Meranien aus und die geraubten Güter verblieben bei den Wittelsbachern.


Erst 1272 wird indirekt wieder die Burg in den Urkunden genannt. Am 11.Oktober diesen Jahres findet in „Derboluingen“ die Belehnung des Wittelsbacher Herzogs Ludwig II., „dem Strengen“ (Regierungszeit: 1253-1294), durch Bischof Konrad von Freising mit sämtlichen freisingischen Gütern statt, die durch den Tod der Grafen von Neuburg heimgefallen waren. Zur Vereinbarung dieses „Staatsvertrags“ erschienen beide Seiten mit großem Gefolge. Es musste damals die Burg in ihren Gebäulichkeiten ausreichend repräsentativ und groß genug gewesen sein, dieses auch aufzunehmen. 1272 gilt als spätester Zeitpunkt der endgültigen Inbesitznahme der Burg durch die Wittelsbacher.

In einer Stiftungsurkunde vom 8. September 1288 erscheint erstmals ihr neuer Name „Grvonenwalde“, der die Namen „Derbolfingen“ bald vollständig in Vergessenheit geraten lässt.


Ludwig II. und seine Nachfolger ließen die Burg erweitern und der Nutzung als Jagdschloss anpassen, davon zeugt die fast ausschließliche Verwendung der damals in Bayern Ende des 13. Jahrhunderts aufkommenden „Backsteine“ als Baumaterial in den erhaltenen Gebäudeteilen. Der nur in Mauerresten nachweisbare Palas war noch mit Feldsteinen errichtet und weist auf die Grafen von Andechs als Erbauer hin.


Die Burg wurde fortan von den Herzögen als Jagdschloss und „zu anderer Kurzweil“, aber auch als Zufluchtsort bei Bürgerunruhen in München (1398 durch Johann II.) und den regelmäßig in der Stadt grassierenden Pestepidemien genutzt.


Auf einen bedeutenden Sohn Grünwalds sei hier hingewiesen: Herzogs Johann II. hatte mit Dr. Johannes Grünwalder einen natürlichen Sohn, der um 1392 auf der Burg geboren wurde. Dieser studierte Theologie und Jura in Wien und Padua, wurde Generalvikar im Bistum Freising, zeichnete sich als Reformer der bayerischen Klöster aus, war auf dem Konzil von Basel u.a. Legat „per Germaniam“, wurde zum Kardinal ernannt, seit 1443 als Bischof von Freising einer der bedeutendsten Inhaber dieses Amtes.


Ihre Glanzzeit und größte Erweiterung erlebte die Burg unter den Herzögen Sigmund und — vor allem — seinem Bruder Albrecht IV., der Weise (Regierungszeit: 1467-1508), der u.a. Torhaus mit dem Wappengiebel, Zwinger erbauen ließ und Palas und Schlosskapelle (Retabeln im Bayer. Nationalmuseum) prächtig ausstattete.


Mit der „Grünwalder Konferenz“, die im Februar 1522 auf der Burg stattfand, gewann ein Ereignis in der Grünwalder Geschichte europäische Bedeutung. Auf dieser Konferenz vereinbarten die beiden gemeinsam regierenden Herzöge, Wilhelm IV: und Ludwig X. (der auch auf der Burg Grünwald geboren ist.), dass Bayern auch künftig dem „alten Glauben“ zugehörig sein solle, die Kirche aber zu reformieren sei. Dieser Beschluss wird heute als Beginn der Gegenreformation im Deutschen Reich und den habsburgischen Landen verstanden und hatte Auswirkungen, die die Geschichte Europas über die nächsten Jahrhunderte prägen sollten.


Mit Beginn des 17. Jh. erlosch das Interesse der Herzöge an der Burg. Schleißheim und — später — Nymphenburg entsprachen besser dem Zeitgeist. Kurfürst Maximilian I. (Regierungszeit: 1597-1651) ließ die Verwendung als Brauhaus oder sogar ihren Abbruch in Erwägung ziehen. In der Folgezeit wurde sie als Schwaige, Pulvermagazin, Sondergefängnis für Adelige verwendet. Ausbleibende Reparaturmaßnahmen führten zu ihrem fortschreitenden Verfall.

Um 1680 war der Steilhang auf der Südseite von der Isar so weit unterspült, dass die Ecktürme im Südosten und Südwesten, der Zwinger auf der Südseite, Schlosskapelle und der Palas abgebrochen werden mussten.


Mitte des 19. Jhs. hatte der Staat keine Verwendung mehr für das alte Gemäuer. Die Lagerung von Pulver und Munition erforderte bessere Sicherungsmaßnahmen, als sie hier gegeben waren. So wurde die Burg 1879 zur Versteigerung frei gegeben. Den Zuschlag erhielt der Präparator und Bildhauer Paul Zeiller mit 10.600 Mark. Er ließ sie im Stil der Romantik renovieren.


1968 wurde die Burg von den Erben der Familie Zeiller an eine Immobilienfirma verkauft, die aber den beabsichtigen Umbau zu einer Eigentumswohnanlage nicht realisieren konnte.


Schließlich erwarb sie am 21.03.1977 der Bayerische Staat und übergab sie nach durchgreifender Renovierung der Archäologischen Staatssammlung zur Nutzung.


Zur Geschichte des „Dorfes“

Das „Dorf“ Grünwald blieb über Jahrhunderte eine Gemeinde von Bauern und Taglöhnern. Erst der Bau der Isarbrücke (1903) und vor allem die Eröffnung der Straßenbahnstrecke München — Grünwald am 13. August 1910 lösten einen starken Entwicklungsimpuls aus. Die Heilmann’sche Immobiliengesellschaft erwarb 1900 die Schwaige „Geiselgasteig“ und entwickelte diesen Ortsteil zu einer bevorzugten Wohngegend wohlhabender Münchner.


Auch wenn sie nicht den wahren Begebenheiten entsprechen, so sind doch die Geschichten Karl Valentins und das daraus entstandene Lied von den „Grünwalder Rittersleut“ weit über Grünwald hinaus bekannt.


18.11.2017

Wolfgang Kuny


Verwendete Literatur:

Gertrud Diepolder: „Die Anfänge von Haching im Licht der modernen Forschung“, 1999

Manfred Helm: „Österreich — Konfessionspolitische Nachbarschaftshilfe unter Herzog Albrecht V. (1550-1579)“, 2005

Werner Müller: „Herzog Wilhelm III. von Bayern-München und Johann Grünwalder am Konzil von Basel (1431-1449)“, OA, 2005

Petra Niedziella. „Die Burg zu Grünwald“ in Hans Waldhauser: „Grünwald Chronik“, Bd. 2, 1991

Max Spindler (Hrsg.): "Handbuch der Bayerischen Geschichte", Bd. 2, 1988

Ludwig Wamser: "Apud Puoloch - Dokumentarisches zum Historischen Umfeld Pullachs im frühen und hohen Mittelalter", 2006

Alois Weissthanner: „Derbolfingen-Grünwald, Aus der Frühgeschichte des Ortes Grünwald“, 1979

Joachim Wild: „Führer durch die Geschichte der Burg Grünwald“, 1979

Letzte Änderung: 21.11.2017 12:20 Uhr