Vorgeschichte Grünwalds wird weiter erschlossen

Vorgeschichte Grünwalds wird weiter erschlossen

Landesamt bestätigt vorbildliche Arbeit der Gemeinde


Mit einem einstimmigen Beschluss hat der Grünwalder Kulturausschuss die Fortführung des Pilotprojekts zur Erschließung der Vorgeschichte Grünwalds bewilligt. Dafür hat der Ausschuss 100.000 Euro in Aussicht gestellt. Die Kosten beziehen sich insbesondere auf den konservatorischen und restauratorische Aufwand sowie auf die wissenschaftliche Aufarbeitung. Das Projekt findet in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und dem Institut für Vor- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Archäologie der Ludwig-Maximilians-Universität München statt.


Bürgermeister Jan Neusiedl zeigt sich zuversichtlich, dass durch die bisherigen und noch notwendigen Arbeiten ein wesentlicher Beitrag zur Geschichte der Gemeinde Grünwald geleistet werden kann. Zum Teil sollen die Ergebnisse und Grabungsfunde auch der Öffentlichkeit auf Dauer präsentiert werden können. „Die bisherigen Erkenntnisse zeigen“, so Bürgermeister Neusiedl, „dass das Isartal und im Speziellen die Hochterrasse von Grünwald auch schon in den Jahrtausenden vor unserer Zeitrechnung begehrter Siedlungsraum war. Es ist richtig, die erfolgten Grabungen zu nutzen, um die Funde der Nachwelt zu erhalten.“


„Grünwald ist eine große Ausnahme!“


Dr. Jochen Haberstroh, stellvertretender Abteilungsleiter der „Praktischen Denkmalpflege Bodendenkmäler“ im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege: „Die Gemeinde Grünwald zählt mit ihrem außerordentlichen Engagement noch zu den großen Ausnahmen in Bayern. Außer in der Gemeinde Grünwald gibt es nur noch zwei Städte in Oberbayern, die wissenschaftliche Auswertung archäologischer Ergebnisse auf eigene Rechnung machen. In allen Fällen geht es jedoch um öffentliche Darstellung regionaler Ur- und Frühgeschichte. Wir hoffen, dass nun auch andere Gemeinde sich an dem Vorbild Grünwald orientieren.“


Seit September 2011 wurden die Funde aus der Grabung „Parkgarage“ konservatorisch betreut und für die Funde aus der Grabung „An den Römerhügeln“ (Kindergarten) eine Zeitschätzung einschl. eines Konservierungskonzeptes aufgestellt. Ab Dezember 2011 wurde mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung begonnen. Am 1. März 2012 wurde die Konservierung der Funde aus der Grabung „An den Römerhügeln“ (Kindergarten) in Angriff genommen.


Mitarbeitende des Landesamts und des Universitätsinstituts gaben dem Kulturausschuss einen Stand über die bisherige Aufarbeitung der Ausgrabungen und erläuterten die geplante Fortführung des Projekts. Insbesondere wurde hierbei auch der Dank an die Gemeinde Grünwald für das vorhandene Interesse zur Erschließung der eigenen Vorgeschichte hervorgehoben, was auf Grund der hohen finanziellen Beteiligung durchaus eine Seltenheit darstellt.

Besonderer Dank wurde Gemeinderatsmitglied Wolfgang Kuny für dessen unermüdlichen Einsatz und Engagement ausgesprochen, der als Initiator diese Projektes genannt werden darf.



Bisheriger Projektverlauf: Konservierung und Restaurierung


Grabung Parkgarage 2009:


Die restauratorische Bearbeitung der Keramikgefäße aus den „Kultgruben“ und Brandschüttungsgräber sowie aus weiteren Fundstellen umfasst zwölf Befunde.


Bei allen Befunden wurden die Scherben auf Anschlüsse zu anderen Scherben überprüft. Die wenigen, weitgehend enthaltenen Keramikgefäße wurden durch Klebungen und Ergänzungen zusammengesetzt.


Bei unvollständig erhaltenen Gefäßen wurden, soweit vorhanden, Gefäßprofile zusammengesetzt und die übrigen Scherbenanschlüsse fotografisch dokumentiert. All diese Arbeitsschritte wurden bereits bei allen Befunden durchgeführt. Lediglich bei der Grube 8, aus welcher über 3.000 Einzelscherben von mindestens zehn großen Vorratsgefäßen stammen, wurde ein Vorratsgefäß zusammengesetzt und ergänzt, ein Weiteres befindet sich noch in Arbeit. Alle weiteren Gefäßfragmente aus diesem Befund konnten nicht mehr zu vollständigen Gefäßen zusammengeführt werden. Von den Metallfunden wurden alle interessanten Stücke bis zur „Ausstellungsreife“ restauriert und konserviert.



Grabung Römerhügel 2000:


Die Grabung Römerhügel umfasst 35 im Erdblock geborgene Urnen, in welchen großteils Beigefäße aus Keramik und zum Teil Metallobjekte lagen. 32 dieser Blockbergungen wurden bereits restauratorisch aufgearbeitet.


Dies umfasst die schichtweise Freilegung der Blockbergungen und Dokumentation aller Arbeitsschritte in Schrift und Bild. Bei ausreichendem Erhaltungszustand werden die Keramikgefäße gereinigt und durch Klebungen zusammengefügt. Die archäologische Aufarbeitung der Befunde erfolgt parallel zur Auflösung der Blockbergung. Die Holzartenbestimmung der vorhandenen Holzkohle aus den Leichenbränden wird durch die Restauratoren vorgenommen. Die noch ausstehenden Arbeiten werden bis zum Auslaufen der Verträge abgeschlossen sein.


Grabung "Haus der Begegnung" in der Tobrukstraße


Im Rahmen der Vorarbeiten für die Errichtung des Mehrgenerationenhauses an der Tobrukstraße wurden umfangreiche archäologische Untersuchungen vorgenommen, die nunmehr vom beauftragten Unternehmen als Grabungsbericht dokumentiert worden sind.


Archäologische Bearbeitung


Aufgabe der archäologischen Arbeiten war die Erfassung und Dokumentation der Funde sowie eine Digitalisierung und Nachbearbeitung der Befunde aus den Grabungen „Parkgarage“ und „An den Römerhügeln“ (Kindergarten). Dazu kamen die moderne Aufarbeitung von „Altgrabungen“ aus dem 19. und 20. Jahrhundert.


Im Einzelnen wurden hierfür ausgewählte Funde gezeichnet und, falls notwendig, fotografisch dokumentiert. Eine zeichnerische Erfassung des Fundgutes ist insofern notwendig, da nur so kleinste Auffälligkeiten erfasst werden können. Gleichzeitig kann in den Fällen, in denen die Rekonstruktion des ursprünglichen Gefäßes erhaltungsbedingt nicht mehr leistbar ist, diese noch während der Restaurierung zeichnerisch erfolgen.


Neben der zeichnerischen Dokumentation des Fundgutes ist eine Erfassung in einer Datenbank, zusammen mit einer Beschreibung der Funde erfolgt. Außerdem sind die auf der Grabung angefertigten Handzeichnungen digital nachbearbeitet und zu Tafeln für die Publikation gesetzt worden. Auf diese Weise können Funde und Befunde durch Beschreibung und bildliche Dokumentation überregional der Forschung zugänglich gemacht werden. Zwangsläufig müssen diese Arbeiten restaurierungsbegleitend und nach Befunden sortiert geschehen.


Im Augenblick ist der letzte Befund in Bearbeitung; in den verbleibenden Wochen wird auch die graphische Nachbearbeitung abgeschlossen werden können.


Zusätzlich zu den vertraglich vereinbarten Leistungen konnte im Rahmen einer Sonderausstellung im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst „Vom kleinen Teil zum großen Ganzen – Fragen und Antworten zur Umwelt und zum Leben Alter Kulturen“ erste Funde des Gräberfeldes „An den Römerhügeln“ der Öffentlichkeit präsentiert werden. Zusätzlich fanden Führungen hierzu statt.



Zweiter Abschnitt des Projektes „Vorgeschichte Grünwalds“


Um die Vorgeschichte Grünwalds umfassend beurteilen zu können, damit diese in der Öffentlichkeit vorgestellt werden kann, müssen noch die Ausgrabungen „Neubau Gymnasium“, „Laufzorner Feld“ und „An den Römerhügeln“ in das Projekt mit einbezogen werden. Dabei handelt es sich, abgesehen von der Grabung Gymnasium, um drei kleinere Untersuchungen, die bereits vor einigen Jahren durchgeführt wurden.


Insgesamt beläuft sich die wissenschaftliche Bearbeitung auf 17 Monate. Die notwendigen Arbeitsschritte können von zwei Personen parallel zueinander geleistet werden.


Die frühbronzezeitlichen Grabkomplexe werden bereits unentgeltlich in einer Dissertation bearbeitet und sind daher nicht in der Kostenberechnung enthalten. Auch für eine weitere Bearbeitung der kleineren Untersuchungen „Laufzorner Feld“ und „Grünwald Römerhügel werden keine weiteren Kosten entstehen, da diese im Rahmen einer Promotion mit dem Titel „Die Gräberfelder der frühen bis mittleren Urnenfelderzeit im Naturraum der Münchner Schotterebene – Studien zu den Bestattungssitten und zur sozialen Differenzierung“ übernommen werden.


Eine sich anschließende monographische und/oder populärwissenschaftliche Veröffentlichung, die formale Abfassung eines Fund- und Befundkataloges sowie die Erstellung des Layouts einer solchen Veröffentlichung sind noch nicht im Arbeitsumfang enthalten und können erst nach Abschluss dieser Arbeitsschritte genau kalkuliert werden, da vorher der tatsächliche Zeitaufwand nicht abgeschätzt werden kann. Das gleiche gilt auch für die Erarbeitung eines Ausstellungskonzeptes.



Service


Ausführliche Informationen und Bildmaterial zu den Berichten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege und des Universitätsinstituts zu den Vorhaben in Grünwald sind hier nachzulesen:


Erschließung der Vorgeschichte


Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege hat das Themenheft Nr. 4 / 2013 mit dem Titel „Aus gutem Grund: Bodendenkmalpflege in Bayern. Standpunkte. Ziele. Strategien.“ mit einem Ratgeberteil für Bauherren veröffentlicht. Dieses ist als PDF-Datei abrufbar:
http://www.blfd.bayern.de/medien/bodendenkmalpflege-in-bayern.pdf


In der Reihe „Denkmalpflege Informationen“ berichtet Annika Maier im Heft Nr. 159, November 2014, über die Ausgrabungen in Grünwald. Ihr Bericht ist überschrieben mit „Restaurieren und Erhalten von Zeitzeugnissen — Grünwald offenbart seine bronzezeitliche Geschichte“ (Seite 65-67). Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege.

Restaurieren und Erhalten von Zeitzeugnissen.pdf


Ein kostenfreies Abonnement der Reihe „Denkmalpflege Informationen“ ist über das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, Telefon 089/2114-0 bzw. Email: poststelle@blfd.bayern.de möglich.


Letzte Änderung: 15.09.2015 10:50 Uhr